Montag Mittag, und ein Kollege hat schon wieder 3 Stunden Jammerei hinter sich? Die neue Schutzbrille drückt ihn (dabei hätte er sich auch ein anderes Modell aussuchen können); die anderen im Team sind für ihn „Vollpfosten", und die Kunden wollen ihn angeblich nur über den Tisch ziehen. - Kennen Sie so einen Kollegen? Dann wissen Sie auch: Es macht nicht unbedingt Freude, mit so einem Menschen zusammen zu arbeiten. Dabei ist er um seine Weltsicht nicht zu beneiden: Die Perspektive entscheidet darüber, ob die Arbeit im Betrieb (manchmal zumindest) Freude macht oder steter Anlass für Jammerei ist. Das hat nichts mit der berühmten rosa Brille zu tun ...

 

„focus on the good stuff" statt rosaroter Brille
Nicht nur Führungskräfte sind es gewohnt, ihr Augenmerk vor allem auf Fehler zu legen statt auf das, was gut läuft. Wie schade! Der erste Schritt auf dem Weg zum „focus on the good stuff": am positiven Menschenbild arbeiten! Das bedeutet, jedem Menschen erst einmal das Beste unterstellen; davon ausgehen, dass der Kollege oder die Mitarbeiterin sich gern einbringen würde; dass jeder sich auch am Arbeitsplatz entfalten möchte. Mir läuft immer wieder ein kalter Schauder über den Rücken, wenn ich Führungskräfte sagen höre: „Die meisten meiner Leute kommen ausschließlich wegen des Geldes zur Arbeit."
Wie schade! Und was für vertane Chancen! Sie selbst würden, wenn sie gefragt werden, warum sie arbeiten, dieses Motiv weit von sich weisen. „Ich arbeite, weil es mir Spaß macht und ich mich hier weiter entwickeln kann" ist eine typische Antwort. Aber den Mitarbeitenden unterstellen sie, dass die keinen Spaß an der Arbeit möchten, sich nicht weiter entwickeln wollen. Das ist unlogisch. Und es hat Folgen. Wenn ich als Führungskraft denke „meinen Leuten geht es nur um die Kohle" – wieso sollte ich ihnen dann Verantwortung übertragen? Ich werde sie klein halten – auch in Bezug auf Herausforderungen – und in Demotivation treiben.

Arbeiten - allein des Geldes wegen?
Ich geb's ja zu: Manchmal sagen Beschäftigte solche Sätze auch von sich aus (als Ergebnis einer vorangegangenen Frustration). Und nicht an jedem Arbeitsplatz kann man sich richtig gut entfalten. Bei Betriebsbesichtigungen habe ich in den letzten Jahren auch immer wieder Arbeitsplätze zu sehen bekommen, die von Monotonie geprägt waren. Wo die überwiegend älteren Mitarbeiter immer wieder dieselbe Handbewegung gemacht haben, acht Stunden am Tag. Solch einen Job hätte ich selbst auch nicht gern.
Aber auch diese Mitarbeiter hatten Kollegen, mit denen sie geredet haben. Sie fühlten sich wohl in ihrem sozialen Netz am Arbeitsplatz. Es gab eine tolle Kantine mit einem herausragend guten Caterer. Sie hatten Abteilungsbesprechungen und wurden darüber informiert, wie es um das Unternehmen stand. Die Firmenleitung stand damals vor der Frage: Auslagern nach Fernost – ja oder nein? Und den zum Teil langjährig Angestellten zuliebe verzichtete man auf diese Billiglösung.
Die (meisten) Leute fühlten sich dadurch wertgeschätzt. Sie wussten ja selber, dass die Produktionsbedingungen in Asien günstiger gewesen wären – aber dann wären sie hier in Deutschland ihren Job los gewesen. Selbst wenn mir diese Arbeitsplätze irgendwie antiquiert vorkamen: Für die Leute bedeutete der Job mehr als nur Geld. Ohne diese Arbeit wären die meisten von ihnen ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt gewesen. Selbst wenn sie primär wegen des Geldes arbeiteten und der Job öde war und öde blieb: Sie waren der Firmenleitung dankbar und wertschätzten die Rahmenbedingungen ihres Broterwerbs.

Achten Sie mal auf die Sprache!
Die Blickrichtung aufs Positive lenken – das manifestiert sich auch in der Sprache, die jemand oder ein Unternehmen verwendet. So macht es beispielsweise einen Unterschied, ob man von „Fehlzeiten" spricht oder von der „Anwesenheitsquote". Anwesenheitsverbesserung macht mehr Freude als Fehlzeitenreduzierung. Man beschäftigt sich dann mit so schönen Fragen wie „Wie können wir dafür sorgen, dass unsere Leute sich am Arbeitsplatz noch wohler fühlen?" statt mit „Wie kriegen wir die Blaumacher dran?" Letzteres macht schlechte Laune – und bedeutet viel Energie aufzubringen für 2-5% der Beschäftigten, während die restlichen 92-98% schon mal vergessen werden.
Verräterisch hinsichtlich der Fokusausrichtung sind auch Formulierungen wie „nicht schlecht" oder „gar nicht so übel". Oft sind sie sogar als Ausdruck der Anerkennung gemeint. Aber allein schon weil der mimische Ausdruck bei solchen Formulierungen keine positive Emotion erlaubt (ein freudestrahlender Gesichtsausdruck bei einem euphorisch vorgetragenen „gar nicht so blöd" würde zumindest befremdlich wirken), werden sie nicht als Anerkennung empfunden. Hängen bleibt beim Empfänger dieser Nachricht nur „schlecht", „übel" oder „blöd". Das Gehirn hat bekanntlich Schwierigkeiten damit, Verneinungen zu verarbeiten; das „nicht" streicht es einfach weg. Wertschätzungschance vertan ...
Es lohnt sich also, wenn man die Wertschätzung im Betrieb voranbringen möchte, seine Sprache und das dahinter liegende Menschenbild kritisch zu hinterfragen. Ist beides wirklich positiv vom Blick auf Ressourcen geprägt? Sind Sie wirklich überzeugt davon, dass die allermeisten Menschen morgens zur Arbeit kommen, weil sie etwas mitgestalten und bewirken wollen (und der Rest durch negative Erfahrungen beruflich oder privat in Frustration getrieben wurde)? Es erleichtert Ihnen das Arbeiten, wenn Sie erst einmal vom Besten ausgehen. Und Ihre wertschätzende Haltung, Ihr Blick aufs Positive erleichtert es den anderen, das Beste aus sich herauszuholen.

 

Stärken stärken statt Fehler suchen!
Ein kleines Denkspiel: Wenn ein Kind ein Zeugnis heimbringt – 9 Einsen und 1 Sechs – worüber reden die Eltern zu 90% der Zeit mit dem Kind?! Natürlich über die Sechs. Wie schade! Es ist (nicht nur) für Kinder schöner, wenn unter einer erbrachten Leistung wie einem Diktat zu lesen ist: „Du hast 2 Worte falsch und 98 Worte richtig geschrieben". Anerkennung für die 98% der Vorgänge, die gut laufen, beflügelt auch im Betrieb mehr (und ermutigt stärker zur zukünftigen Fehlervermeidung) als das exzessive Auseinandernehmen der Gründe für die 2%, die schief gelaufen sind.
Die Empfehlung lautet: Stärken stärken statt Fehler suchen! Nicht Recht haben wollen um jeden Preis (gilt auch für Kritikgespräche: es ist nicht wichtig, dass ich Recht habe – wichtig ist, dass der andere sein Verhalten ab jetzt ändert), nicht herumreiten auf den Schwächen, sondern das Beste aus dem Kollegen herausholen.

Tipps, wie Sie eine positive Haltung kultivieren
Die Arbeit am „focus on the good stuff" ist ein fortwährender Prozess und keine Einmal-Aktion. Niemand von uns ist Mutter Teresa, und es erfordert ein gehöriges Maß an Selbstkritik und Selbstreflexionsfähigkeit, um dranzubleiben an diesem kontinuierlichen Verbesserungsprozess ...
Versuchen Sie, dankbar zu sein für das, was ist. Gönnen Sie sich dazu je 1 ruhige Minute morgens und abends.
Fragen Sie sich, wenn etwas schief zu laufen droht: Wozu könnte diese Situation rein theoretisch gut sein?
Bevor Sie in ein Gespräch gehen: Fragen Sie sich, welche Eigenschaften oder Verhaltensweisen Ihres Gesprächspartners Sie besonders schätzen! Das erleichtert das Gespräch.
Gehen Sie davon aus, dass die Welt sich verschworen hat, um Ihnen Gutes zu tun!

Viel Erfolg dabei und ein herzliches „do care!" wünschen Ihnen

Anne Katrin Matyssek und das gesamte BAAK-Team

Quelle:
Matyssek, Anne Katrin: Wertschätzung im Betrieb. Impulse für eine gesündere Unternehmenskultur.

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